Methode: Stimmlosen-Algorithmus
Folgen früh erkennen, mit den Stimmen derer, die sonst nicht gefragt werden.
Neue Produkte und Dienste können entlang ihres Lebenszyklus und ihrer Wertschöpfung negative Sekundärprobleme mit sich bringen. Der Stimmlosen-Algorithmus hilft, diese Folgen schon zu Beginn der Entwicklung zu erkennen und möglichst lokal zu halten.
Diese Anleitung richtet sich an TRIZ-Trainer und an Entwicklungsteams, die das Vorgehen in einem Workshop anwenden möchten.
Hintergrund
Ein inspirierendes Ziel nimmt keine Opfer in Kauf
Genrich Altshuller und Igor Vertkin haben untersucht, was herausragende Erfinder auszeichnet. Eines ihrer Merkmale ist ein inspirierendes Ziel: Seine positiven Ergebnisse wirken global, unvermeidliche negative Folgen bleiben lokal. Wer ein solches Ziel verfolgt, nimmt eigene Opfer in Kauf, aber keine Opfer anderer.
TRIZ-Werkzeuge wie die Idealität, der Systemoperator oder das Problemnetz helfen, Schaden zu beschreiben und Konflikte zu ordnen. Wer von einer Neuerung betroffen ist, ohne gefragt zu werden, zeigen sie nicht von selbst. Hier setzt der Stimmlosen-Algorithmus an.
Perspektiven
Wessen Sicht fehlt noch?
Bevor die Folgen einer Neuerung bewertet werden, holt das Team drei Perspektiven ein, die in Entwicklungsprojekten meist fehlen.
Stimmlose Betroffene
Menschen, die keine Kunden sind, Gemeinschaften, die Nebenwirkungen tragen, und künftige Generationen.
Die Natur, „Mutter Erde“
Sie kann nicht für sich selbst sprechen. Jemand im Team übernimmt bewusst ihre Perspektive.
Extremnutzer
Sie nutzen ein Angebot öfter, anders oder unter härteren Bedingungen als die meisten. Dadurch zeigen sie Schwachstellen früh.
Der Ablauf
So gehen Sie vor
Drei Methoden greifen ineinander: die Sensing Journey, das Zukunftsrad und der Zukunftskegel. Eine Kontrollfrage sorgt dafür, dass niemand übersehen wird. Die Ergebnisse fließen in den Systemoperator und von dort in die weitere Planung.
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Start
Thema festlegen
Benennen Sie die Neuerung und ihre Hauptfunktion. Tragen Sie sie in den Systemoperator ein: Zeile „System“, Spalte „Zukunft“.
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Schritt 1 · Sensing Journey
Betroffene ermitteln
Befragen Sie neben den angezielten Kunden auch jene Menschen, die weniger offensichtlich betroffen sind von Ihrer Produktidee sowie die Extremnutzer und die Perspektive der Natur. Besuchen Sie diese Gruppen in ihrem eigenen Umfeld und hören Sie zu. Zur Sensing Journey
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Schritt 2 · Zukunftsrad
Folgen gemeinsam kartieren
Laden Sie die Betroffenen oder ihre Stellvertreter ein. Fragen Sie gemeinsam „Was wäre, wenn wir "xyz" realisieren?“, entlang der sieben STEEPED-Kategorien: sozial, technologisch, ökonomisch, ökologisch, politisch und rechtlich, ethisch, demografisch. Gehen Sie zusätzlich den Lebenszyklus durch, von der Rohstoffgewinnung bis zur Entsorgung. Zum Zukunftsrad
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Schritt 3 · Zukunftskegel
Folgen ordnen
Ordnen Sie jede Folge ein: wahrscheinlich, plausibel, möglich oder abwegig. Leiten Sie daraus Zukunftsszenarien ab. Eine Folge wird eingeordnet, nicht als zu fern verworfen. Zum Zukunftskegel
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Schritt 4 · Kontrollfrage
Ist der Kreis vollständig?
Fehlen relevante Gruppen, oder bleiben Kategorien oder Phasen des Lebenszyklus leer?
Ja: Kreis erweitern, zurück zu Schritt 1Nein: weiter mit Schritt 5
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Schritt 5 · Systemoperator
Ergebnisse festhalten
Tragen Sie die geordneten Folgen in die Meta-Zeile des Systemoperators ein, in die Zukunftsspalte über der Neuerung. Formulieren Sie die negativen Folgen als Sekundärprobleme.
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Schritt 6 · Plan und Programm
Weiterarbeiten
Übernehmen Sie die Sekundärprobleme in die weitere Planung. Dort lassen sie sich mit TRIZ-Werkzeugen bearbeiten, damit Lösungen entstehen, die dem inspirierenden Ziel entsprechen.
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Ende
Zielsetzung erfüllt?
Die Lösung erfüllt im Idealfall ihre Funktion ohne globale negative Wirkungen, und unvermeidliche negative Wirkungen bleiben lokal.
Vertiefung: Sensing Journey
Mit offenen Augen ins Feld gehen
Eine Sensing Journey ist kein Besichtigungs- oder Benchmarking-Termin. Das Team verlässt seine gewohnte Umgebung und erlebt die Situation aus der Sicht anderer, besonders aus der Sicht derer am Rand des Systems. Das Presencing Institute beschreibt dafür einige Grundsätze.
Vorher
Frage und Orte klären
Formulieren Sie die Kernfrage und notieren Sie Ihre Annahmen. Wählen Sie Orte, die für die Frage sehr wichtig sind und über die Sie bisher wenig wissen.
Unterwegs
Zuhören statt urteilen
Stellen Sie Ihr Urteil zurück und bleiben Sie neugierig. Bieten Sie keine Lösungen an. Gehen Sie gerade dem nach, was Ihren Annahmen widerspricht, und nutzen Sie unerwartete Begegnungen.
Nachher
Gemeinsam auswerten
Beantworten Sie Ihre Fragen von vorher erneut. Halten Sie prägnante Aussagen fest und werten Sie sie gemeinsam aus, damit das Team das System mit neuen Augen sieht.
Die Sensing Journey ersetzt nicht die Beteiligung der Betroffenen. Wo immer möglich, wirken sie oder ihre Stellvertreter in Schritt 2 selbst mit.
Hinweise
Gut zu wissen
Gehören die Methoden zu TRIZ?
Sensing Journey (aus der Theorie U), Zukunftsrad und Futures Cone stammen nicht aus TRIZ. Sie ergänzen TRIZ-Werkzeuge wie den Systemoperator um die Frage, wer im Supersystem fehlt.
Was ist neu am Stimmlosen-Algorithmus?
Die Reihenfolge der drei Methoden, die Betrachtung des Lebenszyklus, die Kontrollfrage mit Rücksprung und die Meta-Zeile im Systemoperator habe ich zusammengeführt und auf der Internationalen TRIZ-Konferenz ITC 2026 vorgestellt.
Wo wird der Algorithmus eingesetzt?
Im Inno-Check erhalten TRIZ-Trainer Empfehlungen zu den Kriterien „Inspirierendes Ziel“ und „Ergebnisfähigkeit“. Der Stimmlosen-Algorithmus ist eine davon: Er prüft, ob eine Lösung ohne Opfer anderer trägt.
Möchten Sie den Stimmlosen-Algorithmus mit Ihrem Team anwenden?
Ich begleite Sie im Workshop: Sie und die Betroffenen bringen das Wissen mit, ich das Handwerkszeug und den Rahmen.
Erstgespräch vereinbarenOder rufen Sie mich direkt an: +49 152 33 55 83 84
